Es herrscht eine heitere Stimmung auf dem Landauer Ebenberg beim Aero-Club Landau e.V. Auf dem Tisch, kopfüber platziert, stehen saubere Sektgläser, der Gasgrill steht schon bereit und zwei Konfettikanonen warten nur darauf, abgefeuert zu werden. Neugierige Blicke wandern immer wieder zur Einfahrt auf dem Flugplatz, denn einer fehlt noch: Henrik Bieler (40), Fluglehrer und Streckenpilot, hat sich in Zwickau bei der Deutschen Segelflugmeisterschaft in der 15m-Klasse mit seiner „1G“ den ersten Platz in der Gesamtwertung erflogen. Irgendwann holpert endlich ein schwarzer Kleintransporter mit einem in der Abendsonne glänzenden Segelfluganhänger auf den Flugplatz und parkt direkt vor der applaudierenden Menge am Clubheim. Mit einem dicken Grinsen auf den Backen steigt der Deutsche Meister aus und wird von Sektdusche und knallenden Konfettikanonen empfangen.

Henrik muss länger über die Frage nachdenken, wie oft er an Deutschen Meisterschaften teilgenommen hat. Er einigt sich mit sich selbst auf die Zahl neun. Henrik erinnert sich, dass er damals Leistungen nachweisen musste, um an das Förderflugzeug des Landesverbandes Rheinland-Pfalz zu kommen – eine ASW20. Seinen ersten Wettbewerb hat er im Alter von 20 Jahren in Dannstadt bestritten, wo er gleich mal Dritter wurde. Bei der Altersangabe ist er sich allerdings wieder nicht so sicher. Ist eben schon etwas länger her. Zum Wettbewerbspiloten wurde Henrik durch den Quasi-Automatismus des Streckenflugs: Wer im Segelflug professionell auf Strecke fliegt, landet irgendwann als Teilnehmer auf einem der vielen Wettbewerbe.

Am Segelflug fasziniert Henrik das Zusammenspiel aus fliegerischem Können und den Kräften der Natur. Als Segelflieger muss man seine Beobachtungen dieser Kräfte so umsetzen, dass weite Strecken möglich werden. „Es ist ein Spiel mit dem Wetter.“, bemerkt er. Erfahrung ist hier ebenso wichtig, auch wenn eine Garantie für den Erfolg nie vorhanden ist. Wichtig ist für Henrik das mentale Mindset, welches er mit ins Cockpit nimmt. Er muss sich gedanklich vollständig auf seine Flüge einlassen können. Dazu benötigt es ein unterstützendes Helferteam am Boden. Lobend erwähnt er z.B. Karl-Heinz – den Vater seines Teamkollegen, dessen kulinarische Fähigkeiten für das Team unerlässlich waren. Solch eine Unterstützung sorgt dafür, dass der Kopf frei bleibt.

Einfach nur so zu gewinnen war nie Henriks Ziel. Ihm gefällt es einfach, sich mit anderen zu messen. Wettbewerbe haben außerdem den Vorteil, dass man schauen kann, wie die anderen Teilnehmer fliegen und ihrerseits das Wetter nutzen, um die Tagesaufgaben zu lösen. Auch deswegen fliegt Henrik bereits seit mehreren Jahren im Team mit Marc Schick vom FSV Neustadt, der es mit einem dritten Platz selbst auf das Siegertreppchen geschafft hat. Der Teamflug beim Wettbewerb hat den Vorteil, dass beide Piloten mit ihren Flugzeugen im angemessenen Abstand zueinander fliegen und so den sie umgebenden Bereich besser nach Aufwinden absuchen können. Das klassische Funkgerät dient hier als das gängige Mittel der Kommunikation. Sobald einer der beiden Piloten die bessere Thermik gefunden hat, folgt der andere.

Konkurrenz ist beim Team Bieler-Schick noch nie ein Thema gewesen. „Es muss sogar völlig in Ordnung sein, wenn der andere auf dem Siegertreppchen höher steht“, fügt Henrik hinzu. Man muss sich absolut vertrauen können, aufeinander Rücksicht nehmen und durchaus mal warten, wenn der andere etwas zurück bleibt. Nicht nur deswegen ist der Teamflug eine große Herausforderung: Vor, während des Fluges und danach werden ständig Absprachen getroffen und umgesetzt. Das Team entwickelt sich in einer sehr harmonischen Zusammenarbeit immer weiter, was auch als vorbereitende Arbeit für zukünftige Wettbewerbe verstanden werden kann. Henrik bezeichnet sich selbst als „Heizer“ und Marc als den „Vorsichtigen“; die ideale Ergänzung für den Streckenflug. Und wenn einer an einem Tag mal nicht ganz in Form ist, übernimmt einfach der andere die Führung des Teams. So hat sich über die Jahre gemeinsamen Fliegens der eigene Anspruch und die Motivation stetig aufgebaut und bei dieser Deutschen Meisterschaft beiden Piloten den Weg auf das Siegertreppchen geebnet.

Dem Nachwuchs gibt Henrik den Tipp, die eigene Aufmerksamkeit mehr nach draußen zu richten. Trotz modernster Technik und teuren Gerätschaften am Instrumentenbrett „spielt sich das Wetter draußen ab“. Man wird nicht schneller, nur weil man sich ausgiebig mit den neuesten Endanflugrechnern und sonstigen Spielereien beschäftigt. Er betont erneut seinen Grundsatz, dass das mentale Mindset absolut entscheidend ist. So ist die Gemeinschaft bei Wettbewerben angenehm und auch wichtig, allerdings muss auch nicht jedes Bierchen am Abend mitgetrunken werden, wenn absehbar ist, dass der nächste Tag nicht neutralisiert wird.

Henriks Erstplatzierung macht ihn zum Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft und qualifiziert ihn für die anstehende Weltmeisterschaft in Narromine, Australien, im Dezember 2023. Marc Schick darf aufgrund seiner Drittplatzierung bei der Europameisterschaft mitfliegen. Somit wird das eingespielte Team getrennt. Das ist aber nur eine von vielen Hürden, die Henrik in naher Zukunft überwinden muss. Welches Flugzeug wird er fliegen? Leistet er sich eine teure Überführung seines Ventus-2b nach Australien oder leiht er sich in Australien ein Flugzeug? Wer reist als Helfer mit? Es gibt viele Fragen, die noch beantwortet werden müssen. Doch nicht heute. Heute wird angestoßen. Darauf, dass Henrik Bieler den Meistertitel auf den Ebenberg geholt hat.

Text: Tonio Stührenberg
Foto: Buruk Şen

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